Sind Gaukurinn und Húrra die nächsten Opfer?

Clubschließungen sind eine üble Tradition

Es war einmal eine Bar namens Sirkus. Klapparstigúr 30, Reykjavík, mitten im kreativen Hot-Spot der Stadt, dem Postleitzahlenbezirk 101. Fast zehn Jahre lang war sie zu Beginn des Jahrtausends ein täglicher Treffpunkt für Kreative, Künstler, Musiker. Das quietschbunte, mit Palmen bemalte Haus, erbaut 1917, mochte zwar seine besten Tage hinter sich haben, was die Bausubstanz anging. Aber innen pulsierte das Leben, es fanden legendäre Konzerte statt und Kostümpartys. Oder die lokalen Bierenthusiasten trafen sich zum Trinken. Die kulturelle Geschichte des Hauses ging sogar noch viel weiter zurück. Eine Vorläufer-Bar des Sirkus war die N1 Bar. Dort legte Björk als DJ auf und Einar Örn von den Sugarcubes übernahm die Rolle des Türstehers. Pläne, das Gebäude abzureißen, gab es zwar schon lange. Aber wie eine Totgesagte, die länger lebt, hielt sich die Location und nationale und internationale Musiker gaben sich die Klinke in die Hand: Sigur Rós. GusGus. Anton Newcomb. Anfang 2008 war es dann aber soweit. Auch wenn die Pläne für Parkhäuser und Hotel wegen des Crashs der isländischen Banken und der folgenden wirtschaftlichen Verwerfungen letztlich doch nicht verwirklicht wurden – das Sirkus wurde trotzdem dicht gemacht um den (potentiellen) Platz zu schaffen. Dagegen half auch ein Protest-Konzertwochenende mit 200 Musikern nichts. Wenigstens wurde auf den Färoer Inseln eine Bar mit dem selben Namen eröffnet, um den Geist des ursprünglichen Sirkus weiterleben zu lassen.

Es war mal ein Laden namens Havari, Austurstraeti 6, Reykjavík. Das Havari war ein kleiner Plattenladen, Buchladen, Kunstgalerie, Coffee-Shop und Studio in einem, Konzerte fanden auch immer wieder mal statt. Entsprechend bunt war das Publikum und beliebt war es allseits, nicht nur während des Iceland Airwaves Festivals. Dass alles etwas improvisiert wirkte, tat dem Charme keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Ebenso improvisiert und sympathisch, wie es die Musik derer ist, die das Havarí zuletzt führten: Berglind Häsler, Svavar Pétur Eysteinsson und Baldvin Esra, die zusammen die wunderbare Band Príns Póló formen. Läuft man heute Laugarvegur und Bankastraeti runter in Richtung Hafen und kreuzt die Laekjargata, kommt man kurz vorm Ingolfstórg in der Austurstraeti am CityCenter Hotel vorbei. Dort, wo mal das Havarí untergebracht war. Ein Havarí, geführt von Berglind Häsler und Svavar Pétur Eysteinsson, gibt es immer noch: als Farm in Djúpivogur in den Ostfjorden. Auch dort bieten die beiden Künstlern Raum und Gelegenheit, ihrem Werk nachzugehen. Ein angesagter Szenetreffpunkt in der Kulturmetropole ist es aber nicht mehr.

Es war mal eine Bar namens Faktorý, Teil des weltbekannten Hjartatorg (‘Heart Park’), in einer Seitenstraße der Einkaufsmeile Laugarvegur, mitten drin in Reykjavík. Der Heart Park war eine Art Freiluftmuseum. Ein Platz für Streetart und alternative Gestlatung des öffentlichen Raums, ein visuelles Spektakel und eine der eindrucksvollsten Ecken der Stadt. Musiker und Skateboarder hingen hier ebenso herum wie Familien. Das Faktorý gehörte zu den beliebtesten Venues der Stadt, für Musiker und Konzertgänger gleichermaßen. Als dann Icelandair dort ein Hotel hinstellen wollte, war es schließlich Pascal Pinon und Sin Fang vorbehalten, den Vorhang 2013 endgültig zu schließen. Vom Zauber des Heart Parks sind nur noch ein paar wenige Graffities übrig.

Und dann war da noch ein Nachtclub namens NASA, am Austurvöllur gelegen, vis-a-vis des isländischen Parlaments. In der Ecke eines kleinen Parks, in welchem die Reykjavíker im Sommer gerne die spärlichen Sonnenstrahlen genießen während sie auf der Wiese liegen. In diesem Gebäude, welches zu den ältesten noch vorhandenen Häusern der Stadt zählt, wurde Geschichte geschrieben. Was einst als Mädchenschule errichtet wurde und später ein politisches Versammlungsgebäude war, wurde im Lauf der Zeit zum ersten Strip-Club Islands und schließlich zum wichtigsten und beliebtesten Musik- und Nachtclub Reykjavíks. Eine Institution, ein Ort der musikalischen Legendenbildung in der lokalen Musikszene. Als Anfang 2012 Pläne vorgelegt wurden, durch welche der Club einem neuen Hotel weichen sollte, war der öffentliche Aufschrei entsprechend umso lauter. Schließen musste der Club dennoch. Drei Jahre hing das Schicksal des NASA in der Luft. Dass schließlich das Gebäude zum nationalen Kulturerbe erklärt wurde und damit dem Abriss entgehen konnte war der Rettungsring. Das Seil, welches den Musikclub NASA schließlich wieder an Land zog, kam in Person von Ásgeir Kolbeinsson, welcher den Club übernahm, modernisierte und pünktlich zum Airwaves 15 wiedereröffnete. Das NASA war dem Sensenmann des Hotelbooms nochmal entkommen und durfte u.a. mit dem Aufritt der legendären Band HAM ein großartiges Comeback feiern.

Es war einmal ein Musikclub mit langer Tradition namens Gaukurinn…

Soweit ist es noch nicht. Ob aber aktuelle Liveclubs in Reykjavík, wie das Húrra oder das Gaukurinn, so viel Glück haben wie am Ende des Tages das NASA oder ob sie das selbe, traurige Schicksal ereilt wie Sirkus, Havari oder Faktorý steht momentan auf Messers Schneide.

Gaukurinn – nicht nur Club sondern sozialer Treffpunkt

Schlendert man von der Harpa aus am Hafen an der großen Baugrube entlang, nimmt sich bei Baejarins Beztu Pylsur einen dieser legendären Hotdogs mit und biegt schließlich dahinter in die Tryggvagata Richtung Kunstmuseum ein, trifft man an der Ecke Naustin auf einen unscheinbaren Eingang direkt an der Hausecke. Hinter der schwarzen Tür führt eine schmale Treppe ins obere Stockwerk, wo man sich direkt vor der Bar wiederfindet, in einem nicht besonders großen, niedrigen und etwas verwinkelten Raum. Dabei kann es vorkommen, dass man Benjamín Náttmörður Árnason über den Weg läuft. Benjamín ist Teilhaber des Gaukurinn, in welchem man gerade während des Iceland Airwaves Festivals vor allem Rockmusik geboten bekommt, der sich aber bei weitem nicht darauf beschränkt. Das ganze Jahr über wird Live-Musik geboten, außerdem Stand-up-Comedy, Karaokeparties und Spieleabende. Kurz gesagt: das Gaukurinn ist weit mehr als eine Bar in der gelegentlich Bands auftreten. Das Gaukurinn ist ein sozialer Treffpunkt. “Letztes Jahr haben wir die Öffnungszeiten geändert, statt nur nachts am Wochenende haben wir jetzt jeden Tag ab 14 Uhr offen und Veranstaltungen jeden Abend. Und wir wachsen immer noch weiter. Das hier ist neben der Harpa das einzige Haus in Reykjavík, in dem Konzerte auch nach 1 Uhr in der Nacht noch stattfinden dürfen” sagt Benjamín. Im NASA oder dem Gamla bió, dem ‘Alten Kino’, ginge das schon nicht mehr – “wegen Hotels”, so Benjamín. Und tatsächlich beschwerte sich das dem Gamla bió benachbarte Hotel bereits vergangenes Jahr mehrfach über den Lautstärkepegel aus der Konzerthalle, anstatt wie selbst zuvor schon vorgeschlagen die Schalldämmung der dem Gamla bió zugewandten Zimmer zu verbessern. Ein Konzert der isländischen Pop-Ikone Páll Óskar musste daraufhin sogar abgesagt werden. Und das, obwohl das Gamla bió eine der wenigen Venues ist, die im Strudel der schließenden Musik-Clubs so etwas wie eine kleine Gegenströmung etablieren will. Diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren dermaßen verschärft, dass sogar die ARD in ihren Tagesthemen vor wenigen Wochen darüber berichtete. Den Örtlichkeiten, die momentan noch das Gaukurinn und die benachbarten Bars und Clubs beherbergen, droht das Schicksal, von den Eigentümern einer wohl tourismusbezogenen Nutzung zugeführt zu werden – heißt also wahrscheinlich, es entsteht z.B. der gefühlt eintausendste Papageientaucher-Shop in Reykjavík.

Der Tourismus ist inzwischen die Nr. 1

Man fragt sich, wie kitschige Devotionalien überhaupt so viel Umsatz generieren können, dass ein solch virales Wachstum der Anzahl dieser Läden überhaupt rentabel ist. Andererseits reicht ein kurzer Blick auf die Statistiken, um zu erkennen, welche enorme Entwicklung der Tourismus in den vergangenen Jahren genommen hat. Kamen 2003 noch gut 300.000 Touristen auf die Insel, was in etwa ihrer Einwohnerzahl entspricht, wurde vergangenes Jahr erstmals die 1-Mio-Marke geknackt – und zwar deutlich, nachdem diese Marke 2014 noch knapp verfehlt wurde. Zwischen 2000 und 2014 betrug der durchschnittliche jährliche Anstieg der Besucherzahlen etwas über 9%, von 2014 auf 2015 betrug er unglaubliche 26,8%. Wenig verwunderlich, dass der Tourismus inzwischen mehr Geld ins Land bringt als die Fischerei oder die Aluminiumproduktion. Und dass viele Isländer dem gar nicht völlig ablehnend begegnen: “Der Tourismus ist großartig, er war wirtschaftlich sehr hilfreich und ist auch meistens gut für die Kultur” erzählt Benjamín im Hinblick auf die Situation nach Islands Finanzcrash 2008, als der Tourismus für viele den Rettungsanker darstellte. Auch unter Islands Musikern ist diese Ansicht durchaus vertreten.

Svavar Knútur ist nicht nur für seine Songwriter-Qualitäten und seine bardenhaften Auftritte bekannt, in denen als eine Art musikalischer Geschichtenerzähler schnell die Sympathien auf seiner Seite hat. Er ist außerdem politisch aktiv und hat bereits Demonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern organisiert. “Die wachsende Zahl der Touristen ist ein Segen für die Kulturszene in Reykjavík” legt er sich sogar fest. “Mehr Leute auf den Konzerten und höhere Verkaufszahlen bei CDs für isländische Bands.” Es liegt also offenbar nicht direkt am rasanten Anstieg der Besucherzahlen selbst, dass es zu dieser bedenklichen Entwicklung kommt, wenn selbst diejenigen, die von dieser Entwicklung direkt betroffen sind, die Vorteile des touristischen Wachstums herausheben.

Der fortlaufende kulturelle Niedergang?

Der Grund allen Übels ist ein Vorgang, den man als Gentrifizierung bezeichnet, der nicht auf Reykjavík alleine beschränkt ist und der vor allem seitens privater Investoren forciert wird. Darunter versteht man die ‘Aufwertung’ eines ehemals, vor allem bausubstanzlich, eher schwächeren Stadtviertels, das aber aufgrund seiner Lage und vor allem vieler junger, kreativer Einwohner, einer lebendigen Szene und vergleichsweise geringer Lebenshaltungskosten für Studenten, Künstler, Musiker, Freigeister usw. ein fruchtbares Umfeld bietet. Der Postleitzahlenbezirk 101, nach dem das Viertel in Reykjavík benannt ist, ist ein Paradebeispiel. Gern verschlägt es daher auch Touristen in solche Stadtviertel, weil diesen oft der ‘ursprüngliche Geist’ der Stadt innewohnt, kleine Läden und Boutiquen zum bummeln einladen und man sich danach in sympathischen Bars und Kneipen. gerne bei Livemusik, einen antrinken kann. Irgendwann kommen dann aber auch die (privaten) Immobilien- und Grundstückseigner auf diesen Trichter und wittern das lukrative Geschäft. In der Folge werden gerne eben diese Örtlichkeiten platt gemacht und Hotels hin gestellt, um die Touristen dort unterzubringen, wo sie auch unterwegs sind. Die renovierten Gebäude und die attraktive Lage für finanziell potentere Geschäfte und Lokale sorgen für steigende Mieten, die sich irgendwann die ‘Stammbelegschaft’ des Viertels nicht mehr leisten kann. Dann werden nicht nur Clubs und Bars geschlossen, sondern auch Studenten aus ihren Wohnungen vertrieben. Es entstehen zunehmend austauschbare Schicki-Micki-Viertel, wie es sie in Städten überall auf der Welt gibt: “Das ist eine Plage, die nicht auf Island alleine beschränkt ist” sagt Svavar, “auch Berlin hat viele seiner großartigsten Veranstaltungsorte verloren in Folge des genau gleichen Vorgangs” – siehe Prenzlauer Berg. Aber was tun, damit diese Spirale des kulturellen Niedergangs nicht die nächsten Opfer in Reykjavík fordert? Und wenn es doch so kommen sollte, was sind die mittel- und unmittelbaren Folgen?

Die Macht des Kapitals

Für Svavar liegt die Lösung auf der Hand: “Die Herausforderung ist, diese kulturell starken Viertel zu schützen, indem Hotelprojekte außerhalb des absoluten Stadtzentrums verwirklicht werden. Dafür gibt’s genug Möglichkeiten. Eine Notwendigkeit, die Hotels direkt im Zentrum zu bauen, ist nicht vorhanden. Für die Touristen ist es nicht das Problem, Busse oder Taxis ins Zentrum zu nehmen oder mal einen oder zwei Kilometer zu laufen. Das machen sie in anderen Städten auch.” Denn führt man die Entwicklung in Gedanken fort, ergibt sich das Bild eines Stadtzentrums voller Hotels, aber ohne Leben und mit einem Mangel an kultureller Attraktivität. Nicht gerade anziehend für Touristen möchte man meinen. “Aber an den Touristen selbst liegt es nicht. Es sind die kurzsichtigen Planer und Unternehmer und die von ihnen abhängigen Politiker. Die städtischen Behörden sollten ihre Politik überdenken, um einen gesunden und intakten kulturellen Nährboden zu erhalten. In der Regel wird aber der Niedergang erst viel zu spät bemerkt, wenn zwar die Mieten steigen, die Stadt aber immer lahmer und langweiliger wird und an Reiz und Attraktivität verliert” meint Svavar. In diese Kerbe schlägt auch Benjamín vom Gaukurinn: “Wir reißen die Orte für Kunst und Musik ab und stellen Hotels dorthin, damit Touristen in der Innenstadt untergebracht werden können, nah dran am kulturellen Geschehen.” Ist dieses kulturelle Geschehen aber im Niedergang oder schon ganz verschwunden, “wer will dann schon in diese Hotels?” fragt er sich. Diese Kurzsichtigkeit kennt man von den isländischen Entscheidungsträgern auch noch aus einem anderen Bereich, nämlich dem nur halbherzigen Schutz der einmaligen Natur vor dem Ausbau der Energiewirtschaft, gegen den auch Musiker aufbegehren. Das prominenteste Beispiel ist hier natürlich Björk, die seit Jahrzehnten um den Erhalt des isländischen Hochlandes kämpft. “Die Leute kommen wegen der Natur und Kultur hier her. Daher ist es unerlässlich, diese mit allen Mitteln zu schützen”, so Benjamín. Aber “wir zerstören die Natur für kurzfristigen Profit, obwohl sie uns auf lange Sicht viel mehr bringen wird”.

Sowohl was die Natur als auch die Kultur angeht, ist guter Rat allerdings leider teuer, wenn eine private Hand am Hebel sitzt und diesen für wirtschaftliche Gewinnmaximierung umlegen will. Mal abgesehen davon, dass sich die Politik zwar gerne mit kulturellen Errungenschaften brüstet, dann aber Einsatz vermissen lässt, wenn es darum geht, die Kulturschaffenden und ihre Orte der Kulturausübung zu schützen, fehlen ihr in solchen Fällen auch einfach die Möglichkeiten, um effektiv etwas dagegen zu unternehmen. “Um ehrlich zu sein, es ist immer schwieriger, den Entscheidungsprozess von Wirtschaftenden zu beeinflussen als den von Politikern” gibt Svavar zu bedenken. “Politiker erlangen ihre Machtposition durch die Öffentlichkeit, Kapitaleigner und Geschäftsleute aber durch ihr Eigentum. Heute ist das ein großes Problem, da der öffentliche Raum zunehmend unter Druck gerät und schwindet. Er wird privates Eigentum der Geschäftsleute und den Menschen bleibt immer weniger Mitspracherecht und Raum um zusammen zu kommen.” Die Politik erscheint dabei weitestgehend machtlos, auch wenn die Erklärung des NASA-Gebäudes als nationales Kulturerbe durch den Premierminister ein entscheidender Schritt zu dessen Erhalt war. Aber es war auch eher die Ausnahme. Bei Betreibern von Musikclubs wie Benjamín sitzt daher der Stachel der Frustration entsprechend tief: “Es gibt nicht eine politische Partei in Island die für Kunst und Kultur einsteht. So einfach ist das.” Der Einzug der ‘Besten Partei’ mit ihrem Bürgermeisterkandidaten Jón Gnarr ins Rathaus von Reykjavík dürfte viele Musiker 2009/2010 in Island aufhorchen haben lassen, waren doch einige Stadträte Musiker, wie z.B. Óttar Proppe von HAM oder Einar Örn, ehemals bei den legendären Sugarcubes und heute als Ghostigital in der Reykjavíker Undergroundszene unterwegs. Aber der hier und da wohl erhoffte Effekt blieb aus. Einar Örn gab damals zu Protokoll, dass er sich wegen der Clubschließungen von NASA oder Sírkus keine Sorgen um die isländische Musikszene mache, denn Inspiration sei nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Ganz Unrecht möchte ihm da Svavar auch nicht geben: “Ich kann verstehen, was er damit meint. Kultur findet immer einen Ausweg”. Allerdings darf die Bedeutung alteingesessener, beliebter und teilweise regelrecht legendärer Musikclubs auf keinen Fall herunter gespielt oder vernachlässigt werden. “Solche etablierten Veranstaltungsorte stellen kulturelles Kapital in Form von Renommee und Know-How dar, haben einen loyalen Besucherstamm usw.” ermahnt Svavar, deren Einfluss zu ignorieren. “Wenn die zerstört werden, bleibt nur ein kleiner Teil dieses Kapitals erhalten und geht auf die nächste Lokalität über. Es kann Jahre dauern, dieses kulturelle Kapital wieder aufzubauen, das Know-How, den Besucherstamm, das Marketing oder die guten Beziehungen zu Künstlern. Nicht vergessen werden darf auch die Atmosphäre und eine gute Akustik. Ein etablierter Musikclub ist im Grunde ein erfolgreicher Versuch all diese Aspekte gedeihen und wachsen zu lassen und es ist sehr heikel so etwas aufs Spiel zu setzen.” Mit Blick auf das gerade noch vom Untergang gerettete  NASA, das geschlossene Faktorý und auch die aktuellen Sorgenkinder Húrra und Gaukurinn fügt er hinzu, dass all diese Clubs solch ein “bedeutendes kulturelles Kapital repräsentiert haben bzw. noch repräsentieren und deren Verlust ein heftiger Schlag ist, von dem sich schnell zu erholen nur schwer möglich ist.”

Im Gaukurinn ist man mit ihm da einer Meinung, aber die Aussichten sind nicht gerade freundlich, wenn man den worst-case annimmt und sich die Möglichkeiten betrachtet, die Reykjavíks Innenstadt noch bietet. “Das Gaukurinn ist eine Herzensangelegenheit” sagt Benjamín. “Und ja, wir würden wohl irgendwo anders wieder eröffnen, wenn wir könnten. Aber es sind in der Innenstadt beinahe keine anderen Orte mehr übrig außer Papageientauer-Läden und Hotels, also wer weiß…?” So ungewiss die Zukunft für das Gaukurinn also ist, kampflos gibt man sich dem Lauf der Dinge nicht hin: “Wir haben unsere Rechte und solange wir die Regeln befolgen und die Miete zahlen, können die uns auf lange Zeit nicht raus schmeißen.”

Für das Wohl der kulturellen Vielfalt in Reykjavíks Innenstadt und viele weitere erinnerungswürdige Momente im Gaukurinn und Húrra können wir dies nur hoffen.

Maybe...

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