Airwaves15 wrap up

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Es ist mitten in der Nacht. Draußen peitscht der Wind über den Tjörnin und weht Regentropfen gegen die Fenster des Iðno. Das Iðno gehört zu den schönsten historischen Gebäuden Reykjavíks, erbaut vor beinahe 120 Jahren. Drinnen, im wundervollen Veranstaltungssaal mit seiner hohen Decke, von der ein Kronleuchter hängt, und welcher mit knarzenden, alten Dielen ausgelegt ist, kann man normalerweise Familien- oder Betriebsfeste feiern, Kleinkunst- und Theatervorstellungen besuchen oder im angebundenen, wunderschönen Restaurant sitzen und den Tjörnin-Möven dabei zuschauen wie sie versuchen, Passanten etwas essbares zu entlocken.

Oder man steht inmitten einer Menge headbangender Metal-Fans und tut es ihnen gleich, während sich vorne auf der Bühne die Jungs von The Vintage Caravan um Óskar Logi Ágústsson um den Verstand spielen. Es ist Airwaves!

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Vök @Harpa Silfurberg

Gut eine Woche ist es nun schon wieder her – Iceland Airwaves 15. Eine Woche, in der man sich mehr schlecht als recht wieder an die Normalität gewöhnen konnte. Und musste. Zeit genug jedenfalls, damit sich die unzähligen gewonnenen Eindrücke etwas setzen konnten. Zeit, um ein Fazit dieser besten Woche des Jahres ziehen zu können.

Auch dieses Jahr war das line-up voll gepackt mit einer Mischung isländischer und internationaler Künstler aller Stilrichtungen. 242 Bands, 10 offizielle venues und die ungaubliche Zahl von 55 off-venues versprachen fünf Tage vollgestopft mit Musik, vom frühen Nachmittag bis spät die die früh einsetzende Nacht Reykjavíks. Und um es vorweg zu nehmen, die sehr hohen Erwartungen wurden komplett erfüllt!

Homebase war wie vergangenes Jahr das KEX Hostel in der Skúlagata 28 in bester Lage zu den innerstädtischen venues und der Harpa auf, dem Mediacenter und Hauptveranstaltungsort vieler der großen offiziellen Gigs. Dazu kam, dass auch dieses Jahr das off-venue Programm des Hostels voll gepackt war mit dem who-is-who der isländischen Musikszene. Unter anderem gaben sich Hjaltalín, GusGus oder Agent Fresco die Ehre. Auch wieder dabei war natürlich die kanadische Webradio Station kexp, die sämtliche Gigs im KEX online streamten.

 

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GusGus @KEX Hostel

Mittwoch – krachender Auftakt

Am Mittwoch also Festival-Bändchen in der Harpa abgeholt (dabei trotz langer Schlangen kürzer gewartet als befürchtet) und ins Getümmel gestürzt. Der erste Tag hält mit For a Minor Reflection, Mosi Musik, Hjaltalín, AmabAdamA, Júníus Meyvant und Vök schon mal von Post Rock bis elektronischer Musik unterlegt mit Saxophon genau die Abwechslung bereit, die das Iceland Airwaves so besonders macht. Die letzten drei Künstler spielen dabei allesamt im Silfurberg-Saal der Harpa – dazu später noch ein kurzes Wort. For a Minor Reflection, sie treten am Hlemmur Square, dem zentralen Busbahnhof der Reykjavíker Stadtbusse auf, sind dabei ein wirklich würdiger Auftakt des Festivals! Ihre Ankündigung „we’re playing loud“ wird direkt in die Tat umgesetzt. Großartiger, wuchtiger Post Rock, bei dem Drummer Andri Freyr Þorgeirsson nicht nur das Drumset bis an die Grenze malträtiert sondern sich auch als Mc Gyver erweist als er den abgerissenen Gitarrengurt von Kjartan Holm mit Gaffatape wieder an dessen Gitarre anklebt. Mosi Musik, eine unter zahlreichen, viel diskutierten isländischen Newcomer-Formationen, ist anschließend im Plattenladen bei Lucky Records das Kontrastprogramm. Eher ruhig, sehr Pop-lastig und für meinen Geschmack etwas zu seicht, wobei gerade Sängerin Tinna Katrín mit starken Vocals glänzt. 

Donnerstag – von der Pit aufgesogen und ausgespuckt

Donnerstag machen wiederum die Isländer von AmabAdamA den Anfang, die ja schon am Vorabend auf dem Programm standen – aber eine neunköpfige Reggae-Combo auf der ca. 10m² umfassenden Bühne des Laundromat Cafés zu sehen sollte man sich nicht entgehen lassen. Angeführt durch die beiden sympathischen Sängerinnen Salka Sól Eyfeld und Steinunn Jónsdóttir, legen sie dann auch ein off-venue set erster Güte hin. Das Laundromat dankt es mit kollektivem Tanz und lautem Applaus. In nächster Nachbarschaft zum Laudromat geht es dann direkt zu Vio, welche mit ihrem großartigen, manchmal leicht melancholischem Indie-Rock im Iceware Outdoor Store auftreten. Fura, Milkywhale, Grísalappalísa und GusGus sorgen danach für einen proppevollen Tag bevor HAM den krachenden Schlusspunkt setzt. Im NASA Club, einer in der Geschichte des Iceland Airwaves legendär gewordenen venue, sind es vor allem die Locals, die sich dem Church Metal der ikonischen Band ausliefern.  Sich der Pit bei ihrem letzten Song, Partýbær, zu entziehen ist in den vorderen Reihen kaum möglich. So soll es sein!
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HAM @NASA

Freitag – Space travel und jede Menge Electronic

Der Freitag beginnt bereits um 12 Uhr mittags mit dj flugvél og geimskip. Was Steinunn Eldflaug Harðardóttir da alleine auf der Bühne, umgeben von synthies und beleuchtet von flackernden lichtern hin legt, ist eine bizarre Mischung aus space travel, Beats, blubbernden Synthie Klängen und hoch gepitchten vocals – aber absolut unterhaltsam und faszinierend , lässt man sich darauf ein! Sóley im KEX ist dann das absolute Gegenteil – ruhig, melancholisch, gelegentlich düster und in jedem Fall sehr intensiv und berührend. President Bongo und Sykur sorgen im Anschluss für die nächste Dosis Electronic bevor mit Agent Fresco ein heiß erwarteter Gig im Bio Paradís ansteht. Durch Verzögerungen im schedule im Bio Paradís gehts aber zu Beginn leider etwas hektisch zu, was dazu führt, dass die Abmischung während der ersten Songs recht bescheiden ist und die Band ihr Set leider auch nicht komplett zu Ende spielen kann. Umso größer ist die Freude auf die Gigs während der kommenden Europa-Tour. Mit Vaginaboys, Verveine, M Band und Oculus folgt im Anschluss wieder ein Electronic-Block. Batida ist danach eine Mischung aus Oldschool-DJ-Set mit Vinyls , live Percussion, Tanzeinlagen und politischen Statements. Ziemlich ungewöhnlich aber eindrucksvoll. Der letzte Akt des Tages gebührt Weval in einer der schönsten venues, dem alten Kino Gamla Bío.

 

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Weval @Gamla Bió

Samstag – Supertime und großes Finale

Samstag – letzter Iceland Airwaves 15 Tag! Zumindest wenn der Flieger dummerweise schon am Sonntag morgens um kurz nach sieben zurück geht. Und was kann ein besserer Auftakt sein als Berndsen! Der Hangover des Künstlers und der zahlreich anwesenden Festivalgänger im Laundromat ist mit den ersten Klängen von „Data Hunter“ vergessen und Berndsen gibt zusammen mit Hermigervill an den Synthies und Keli gítar an der E-Gitarre alles. Supertime! Dann gehts erst mit Kiasmos am Abend weiter, auch einer der am sehnsüchtigsten erwarteten Gigs. Aber er findet wieder in der Harpa, Silfurberg-Halle statt. Und damit komme ich auf Mittwoch zurück: hier wie da kommt bei mir nicht dieses Iceland Airwaves Feeling auf, welches das Festival meiner Meinung nach so unvergleichlich und großartig macht. Ich denke, das liegt an den großen Hallen der Harpa und dem – für Airwaves-Verhältnisse – riesigen Andrang. Der Charme der kleineren, intimeren venues, in denen man den Künstlern wesentlich näher ist und ein viel intensiveres Konzerterlebnis erfährt, geht der Harpa (nachvollziehbar) leider ab. Daher versuche ich das Konzerthaus mit der spektakulären Architektur eher zu meiden – was natürlich nicht heißt, dass die dort dargebotenen Konzerte nicht sehenswert wären! Auch in der Harpa wird selbstverständlich Großartiges geboten und manche Band bekommt man auch nur dort zu sehen – aber eben in einem ganz anderen Flair wie z.B. im Gamla Bío, Gaukurinn, Iðno oder Húrra. Daher geht es nach Kiasmos auch ins Art Museum zu Låpsley, welche eine ausgezeichnete und emotionale Show bietet. Für den richtigen Wumms zum Schluss sorgen dann im NASA East India Youth mit einer schweißtreibenden, kraftvollen aber leider nicht besonders gut gemixten Performance sowie der wie immer bockstarke Vintage Caravan und die Newcomer von CeaseTone, eine Band die es definitiv zu beobachten gilt (siehe dazu auch in Kürze ein Interview mit ihnen hier auf tónlist.de).

 

CeaseTone brennen auf der Bühne ein vor Kraft strotzendes Indie-Rock Feuerwerk, garniert mit elektronischen Sounds, ab. Die Augen sind geschlossen, ich bin versunken in der Musik und dem Moment. Es ist mitten in der Nacht. Dann ist er vorbei, der letzte Song, verhallt über dem Tjörnin draußen vor den Fenstern des Iðno und im Jubel des Publikums.

 

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East India Youth @NASA

 

Iceland Airwaves 15 ist für mich zu Ende und das natürlich leider viel zu schnell. 25 isländische Bands habe ich dabei gesehen mit etwa 90 Künstlern. Umgerechnet auf die Bevölkerung wären das in Deutschland 22.240 – in vier Tagen. Und schon jetzt sind mir wieder drei oder vier weitere über den Weg gelaufen, die ich nächstes Jahr keinesfalls verpassen darf.

Noch gut 50 Wochen bis Airwaves16…

 

Maybe...

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