GANGLY @Airwaves 2015 – Ich bin zu müde, fick doch mit jemand anderem…

GANGLY

Als ich in meinem Kinosessel im Harpa Musikzentrum lümmel und dabei auf den Iceland Airwaves Zeitplan sehe, bricht die Stimmengewalt der Sängerin auf mich ein.Nein, es ist nicht die Stimmengewalt wie einer Amy Winehouse oder einer Adele. Es ist eine isländische Stimmgewalt. Wie ein Stück Eis, das ein knackendes Geräusch von sich gibt. Es ist wie ein Gletscherabbruch, der in einem See versinkt.

Kühl, unberechenbar. Gänsehaut macht sich breit. Gerade eben hatte ich mich noch gefragt, was denn bitte Glacial Trap Pop sein soll? Glacial Trap Pop, so wird die Musikrichtung der Band beschrieben, die nun spielt. Nun habe ich den lebendigen Beweis. Live und in Farbe. Oder sagen wir, ohne viel Farbe. Die Bühne ist nämlich recht dunkel gehalten. Eigentlich erkennen wir nur die Umrisse der Personen auf der Bühne. Ohne viel Aufsehen kommt die Band GANGLY (englisch, umgangssprachlich: schlacksig, hoch aufgeschossen) wie aus dem Nirgendwo auf die Bühne und ohne Ansprache spielen sie einfach los. Gangly, so kommt es mir im nachhinein vor, sind sie alle drei irgendwie.

Und tatsächlich klingt die Musik auch nach Gletscher. Mysteriös, eiskalt und überwältigend.

Als ich nach der Band recherchiere, lässt sich nicht all zu viel finden. Mysteriös klingt nicht nur die Musik von Gangly. Auch ihr Bekanntwerden hinterlässt mehr Fragezeichen als Antworten. Die erste Single wurde aus dem Nichts heraus über das isländische Magazin Grapevine veröffentlicht. Der Link zu dem Video “Fuck with someone else” wurde anonym eingereicht, natürlich mit der Bitte um Veröffentlichung. Dass es sich dabei um das Trio Jófríður Ákadóttir (Samaris/Pascal Pinon), Sindri Már Sigfússon (Sin Fang), and Úlfur Alexander Einarsson (Oyama) kam erst zu einem späteren Zeitpunkt heraus. Schließlich ist die Musikszene in Island nicht so groß, dass es möglich wäre sich dort besonders gut zu verstecken. Die Spekulationen über die Bandmitglieder verhalfen der Single auf Soundcloud auf über 50.000 Klicks. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund.

“Could you fuck with someone else, could you just leave me alone. Could you fuck with someone else, I´m so tired” – so der Text des Songs. Was sich liest wie der Wunsch endlich schlafen zu können. Was sich liest als wäre hier jemand ordentlich genervt, hört sich gesungen viel schöner an. Der Beat lässt einem das Herz langsamer schlagen, es lässt seine Hörer in sofortiger Trance zurück. Das Lied zieht an mir vorbei, wie ein kurzer Augenflirt in der U-Bahn. Ich komme erst wieder in die Realität zurück, als die Lieder längst von der rabenschwarzen Nacht über der Küste Islands verklungen sind. Ein für mich sehr ungewöhnliches Musikerlebnis, dass mich süchtig nach mehr macht und mich ein wenig verstört, alleingelassen und einsam in meinem Kinosessel im Konzertsaal zurücklässt.

Definitiv eine Band und Musikrichtung auf die man in nächster Zeit verstärkt blicken sollte.

Gangly (Island) – Dark Glacial Trap Pop

Unbedingt reinhören:

Maybe...

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