Airwaves ’16 Wrap Up: Der beste Grund älter zu werden

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So langsam hat einen der Alltagstrott wieder. Das hilft dabei, den Trennungsschmerz besser zu verarbeiten. Es ist nicht das Ende, aber die Fernbeziehung muss jetzt erstmal wieder ein ganzes Jahr geführt werden: Airwaves ’16 ist Geschichte und wir realisieren, was es auch diesmal wieder für ein unglaubliches Brett war, dieses großartigste aller Musikfestivals! Bis wir endlich ein Jahr älter sind und unserer Liebe wieder in die Arme fallen und uns den windigen, dunklen und pulsierenden Novembernächten Reykjavíks hingeben können ist jetzt Durchhalten angesagt. Weil aber Schwelgen in Erinnerungen immer dieses wohlige, einzigartige Gefühl aus Euphorie und Melancholie hervorruft, wollen wir uns für euch an unsere großartigsten Airwaves-Momente 2016 erinnern!

Mugison in der Frikirkjan

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Örn Elías Guðmundsson alias Mugison aus den Westfjorden, der Sohn eines Karaokesängers, war mir noch von meinem ersten Airwaves 2014 mit einer überragenden Solo-Vorstellung im Off-Venue-Programm des KEX Hostels in Erinnerung. Diesmal wars kein vollgepackter Hostel-Aufenthaltsraum sondern eine vollgepackte Kirche, die Frikirkja unten am Tjörnin. Und Mugison war diesmal auch nicht alleine sondern hatte seine Band dabei. Und diese Band, zusammen mit Mugisons irrer Stimme und Bühnenpräsenz, verwandelte das Haus Gottes in ein Haus des Rock’n’Roll und die anwesende Gemeinde in eine johlende Menschenmasse. Konnte es nicht sehen von meinem Platz, aber verwundert wäre ich nicht, hätte Jesus beim Song „Þjóðarsálin“ selbst mit eingestimmt: „Eg er blóð!“ Mugison ist eine isländische Musiklegende. Warum, wurde an diesem Abend jedem klar und er ist deswegen mein großartigster isländischer Airwavesmoment 2016! // Philip

Ceasetone in der Harpa (Norðurljós)

Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man nach einer Show mit Ohrwurm die Halle verlässt. Ein noch besseres ist es, wenn man am nächsten Morgen mit dem gleichen aufwacht und er einem nicht auf die Nerven geht. So geschehen nach meinem allerersten CeasteTone Konzert. Ich hatte mir die Band auf meiner „unbedingt mal ansehen“ Liste vermerkt und ich wurde alles andere als enttäuscht. Gerade mal 2 Lieder kannte ich, als ich sie in der Harpa Norðurljós zum ersten Mal sah. Es gibts Bands, die ich höre und Bands, deren CDs ich kaufe und auf deren Konzerte ich gehe: CeaseTone gehört definitv in die 2. Kategorie und ich hoffe, dass sie sehr bald auf Tour kommen – I’m stoked! // Silja

Dr. Spock im Húrra

Zwei Tage Genickschmerzen, ein paar blaue Flecken, ein stinkendes, komplett durchgeschwitztes Shirt und dadurch eine dringend notwendige, schnelle Mitternachtsdusche waren die Folgen der dreiviertelstündigen Moshpit während des Gigs der Punk-Rock-Ikonen von Dr. Spock. Danke an Steffi fürs Aufbewahren meiner Habseligkeiten während meines Einsatzes, die hätte ich sonst garantiert verloren! Ein bißchen überrascht war ich, trotz der vielen Locals, von der geringen Anzahl an Trägern gelber Gummihandschuhe, genau genommen niemand außer mir (zumindest bin ich niemand sonst begegnet). Letztlich aber auch gleichgültig mit welchen Accessoires man sich in der Pit bis zum Limit verausgabt hat – Dr. Spock war der sportliche Höhepunkt dieses Jahr. ORGAN, DR. ORGAN!! // Philip

Prins Póló im Gamla Bió

Ähnliche Spaßkategorie wie Dr. Spock, etwas anderer Stil. Auch Svavar Pétur Eysteinsson aka. Prins Póló genießt Kultstatus auf der Insel. Beweis dafür war der Gig am Freitag Abend im Gamla Bió. Jener meiner in diesem Jahr besuchten Gigs, auf dem das Publikum vielleicht am schönsten die Sau raus ließ. Und das lag nicht nur dran, dass mit Frankie Cosmos zuvor eine Band die Bühne bespielte, die leider einen – nennen wir es mal – wenig emotionalen, ruhigen Stil pflegte. Unterstütz von Árni Rúnar Hlöðversson, den man auch als Mann an den FM-Belfast-Synthies als guten Partytreiber kennt, gewinnt Prins Póló vielleicht nicht The Voice of Iceland oder den Preis des besten Rockgitarristen. Aber es gibt nur eine halbe Hand voll, die mit so einem irren, kompromisslosen Einsatz eine dermaßen geile Stimmung erzeugen! // Philip

Kött Gra Pjé im Hlemmur Square, Off-Venue

Der Abräumer bei den Off-Venue-Gigs dieses Jahr! (Isländischer) HipHop war 2016 extrem stark vertreten, nicht alles fand ich jetzt besonders innovativ. Ich hatte eher den Eindruck, dass sich viele Acts klanglich und stilistisch ziemlich ähnlich sind. Nicht so beim König des isländischen Poetic-Raps, Atli Sigþórsson, den man besser als Kött Gra Pjé u.a. von Kollaborationen mit Úlfur Úlfur (Brennum allt) kennt. Bis jetzt. Kaum zu glauben, dass ein in der Szene dermaßen bekannter und gefeierter Rapper erst jetzt kurz davor steht, sein Debütalbum zu veröffentlichen. Aber dieses wird uns mit Sicherheit ebenso umhauen wie die brutal intensive Show im Hlemmur Square, die uns sofort die Müdigkeit des Vortages aus den Schädeln geblasen hat. Und ein triftiger Grund, endlich mal Isländisch zu lernen. // Steffi

Teitur Magnusson und alle anderen im NASA

Den Preis sowohl für die größte Band wie auch den zauberhaftesten Auftritt geht an unseren Freund Teitur Magnusson! Ich hab auf der Bühne im NASA 12 Musiker gezählt, bin aber auch nicht so gut in Mathe. Vielleicht waren es auch 11. Oder 14. Immerhin kamen und gingen zwischendrin auch immer wieder welche. Gefühlt war es ein wenig wie eine große, lustige und extrem musikalische WG da oben, die jedes Instrument der Welt zumindest einmal anspielte. Die wundervollen Songs von Teitur’s Album „Tuttugu og sjö“ taten ihr übriges dazu, dass mir während des gesamten Konzerts das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht wich. Ich will Teitur und seine Band jeden Tag live sehen, ein Jahr lang bis zum nächsten Airwaves! Übrigens war der ganze Mittwochabend im NASA unfassbar gut, denn auch die folgenden Gigs von Snorri Helgasson, Tilbury und Moses Hightower wären jeweils ein Extra-Eintrittsgeld wert gewesen. Mega gelungenes Scheduling! // Philip

Berndsen mit Full Band im Gamla Bió

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Einer, der mich mit als erstes in die klebrigen Fänge isländischer Musik, die einen nie wieder los lassen, gezogen hat, ist Davið Berndsen, oder The Berndsen, oder einfach Berndsen. Ich stehe zugegebenermaßen auch heftig auf 80er Synthiepop und damit trifft er mich genau ins Herz. Und in die Beine. Bisher war das immer zusammen mit seinem kongenialen Partner Sveinbjörn Thorarensen aka Hermigervill der Fall. Aber Berndsen hat inzwischen eine vollumfassende Band um sich versammelt, mit der er im Gamla Bió jetzt zum ersten Mal an die Öffentlichkeit ging. Stilistisch ist das natürlich etwas anderes als die legendären, treibenden Sets mit Hermigervill – man könnte sagen erwachsener. Aber die Band ist großartig! Die neuen Songs vom kommenden, dritten Album „Alter Ego“ funktionieren mit ihr prächtig. Handgemachter 80er-Pop in reister, schönster Form! Und den Oberkörper entblößen kann Berndsen ja trotzdem immer noch wenn ihm danach ist! // Philip

Kiriyama Family im Bió Paradís, Off-Venue

Noch ein Off-Venue-Gig der uns sprachlos aber immer noch zuckend von unseren Tanzmoves zurück ließ. Ich kannte die Kiriyama Family zwar schon zuvor, hatte sie aber noch nie live gesehen. Hab ich schon erwähnt, dass mich der 80er Sound umhaut? Hab ich. Deswegen liebe ich die Kiriyama Family. Die Rhythmen gehen euch direkt in die Beine, die Melodien schließen sanft eure Augen. Das Drumming war unglaublich tight und kreativ. Und ich war überrascht dass die Scheiben im Bió Paradís der unglaublichen Stimme von Hulda Kristín Kolbrúnardóttir’s stand hielten. Das zweite Album ist in der Pipeline, also haltet Ausschau nach mehr Lobreden auf die Kiriyama Family hier in nächster Zeit. Hey Kiriyama Family, ihr hört bald von uns! 🙂 // Philip

Die isländischen Musiker/-innen von morgen!

Früh übt sich, denken sich wohl auch die Isländer und nehmen ihren Nachwuchs auf die verschiedensten Off-Venue Showes mit. So kam beim dj. Flúgvel og Geimskip Konzert im Alda Hotel eine ganze Kindergartengruppe zum Konzert. Nachdem die Kindergärtner fleißig Ohrenstöpsel verteilt hatten, waren die Kinder für die Show bereit. Nach dem Konzert wurde Steinunn von den Kindern umringt und alle meinten, wie toll es gewesen wäre. Ein Mädchen hätte sich am liebsten eine CD geholt, hatte aber kein Geld dabei. Bei einem Úlfur Úlfur Konzert am Nachmittag wiederum, fiel mir ein Mädchen im Grundschulalter auf, das in der ersten Reihe stand, wie wild tanzte und jedes Lied auswendig konnte. Auch auf den Off-Venue-Shows von Teitur Magnusson im Hertex und bei Dream Wife im Loft Hostel waren ganze Horden anwesend – auch wenn sie aufgrund inkompatibler Lyrics hier vor dem letzten Song verabschiedet werden musste. Die Musiker und Musikbegeisterten von morgen! // Silja

Kate Tempest im Gamla Bió

Wenn wir uns hier auch der isländischen Musik verschrieben haben bei tónlist.de (und ich auch fast nur isländische Acts gesehen habe dieses Jahr), muss ich zum Schluss doch noch meine Ehrerbietung an Kate Tempest kundtun. Eigentlich wie erwartet mein absolutes Highlight des Airwaves 2016, da ich ihr neues Album „Let them eat chaos“ für das beste Album halte, das mir in vielen Jahren unter gekommen ist. Aber es war einfach noch so viel besser. Kaum eine Künstlerin (auch kein Künstler) hat mich jemals so gebannt mit ihrer Präsenz, so berührt mit ihren Lyrics, so umgehauen mit ihrer Wucht, dass ich zwischendrin einfach wie besessen schreien musste. Über einem irre guten Airwaves kreist Kate Tempest. // Philip

Maybe...

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